ABGEFAHREN
von Karl-Heinz Bittl-Weiler
Der Mann
rannte
als ginge es um sein Leben
er wollte den Zug erreichen
wollte dabei sein
er sah die Bewegung
die Türen schlossen sich
ohne ihn
der Zug fuhr los.
Sein Lauf wurde langsamer
zögerlicher
hielt an
hielt inne
setzte sich.
Vielleicht ist unser Zug auch schon abgefahren?
All die Illusionen vom Frieden
fort – abgefahren – zu spät
Vielleicht können wir
nicht mehr das retten
was eine lebenswerte Zukunft ausgemacht hat?
Vielleicht wird der Krieg kommen?
Vielleicht ist es zu spät?
Vielleicht ist es an der Zeit innezuhalten?
Sich hinzusetzen
nachzudenken
einer Entscheidung harren
vielleicht ist es ein Ausstieg
aus dem verführerischen Treiben
in dem alle anderen mit der Gewalt begonnen haben,
nur wir nicht!
vielleicht eine Auflehnung
gegen die Hetze der Medien?
gegen die gestohlene Zeit?
Ich sehe diesen Mann
Bin ich es selbst?
Ich setze mich zu ihm
Spreche über sein Ziel an
Was wolltest du erreichen?
Rede über meine Träume, meine Ziele
Rede über eine Zukunft, die unsere Kinder und Enkel brauchen
der Zug ist abgefahren
es scheint zu spät für alles zu sein
Sind damit die Träume verschwunden?
Sollen wir die Ziele damit aufgeben?
Unzählige Möglichkeiten
dorthin zu kommen
weiterhin
trotz dem Wissen, das es schwer wird
trotz der Furcht
zurückzubleiben, allein zu sein mit diesem Frieden?
Will ich auf einen neuen Zug warten?
Will ich denn mitgerissen,
transportiert werden?
Will ich alle Bedingungen annehmen?
Mich der Sachzwanglogik beugen?
Will ich diese Abhängigkeit von diesem Mittel?
Statt vom Ziel?
Wofür will ich mich entscheiden?
Für einen Frieden, der unberechenbar und wild ist…
Für ein Leben in Würde, Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit…
All die Werte
Sind diese eine Orientierung?
All die Werte
Bestimmen sie das Ziel?
Ja, all dies Werte sind die Basis des Friedens
Gerechtigkeit, Würde, Solidarität, Gleichheit, Gesundheit, …
Ich setze mich neben Dich
Auf die Bank der abgefahrenen Züge
All die Werte
werden maßgeblich die Entscheidung prägen
spiegeln meine Zerrissenheit, mein Dilemma
werden mich sein lassen
ein Mensch, der Menschen und diesen Planeten braucht.
Ich werde nicht auf den nächsten Zug warten!
Ich werde mich erheben
werde den Fuß setzen
den Schritt wagen
werden halt finden
unabhängig von gespurten Bahnen
Ich werde aufstehen
Wissend was ich will
Werde mich zuwenden
denen deren Züge abgefahren scheinen.
Ich werde aufstehen
mit den Vielen
nach Wegen suchen.
Es wird kein leeres Wort werden
Kein hingemurmeltes
JA,aber
Es wird ein JA sein
Auch wenn ich alt bin
Auch wenn ich langsam aufstehen werde
Die Schmerzen spüre
Die Zweifel mich niederdrücken wollen
Werde ich aufstehen
Mit Dir
Dich und andere
Dich und viele
Damit der Weg
Zu den Orten wird
An denen wir sind
Damit der Weg
Ein Zeugnis wird
Über das Neue, das Wilde
Das ungezähmte
Wir werden uns aufmachen
Uns öffnen
Für einen Frieden, der unberechenbar
Für die Hoffnung, die unverfügbar
Für den Traum, den wir gemeinsam träumen
Der Zug mag abgefahren sein
Doch wir gehen
Die Umwege,
die es braucht!